Archiv für den Tag: 2014/03/19

Samoa ein Paradies?

Samoa ein Paradies?

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Wenn man auf Samoa ist und diese wunderschönen Sandstrände sieht, mit den kleinen halboffenen Hütten am Strand und den freundlichen Menschen am Strand, kommt einem dies durchaus paradiesisch vor. Kein Wunder, dass ein Aufenthalt hier in den letzten Jahren i.d.R. recht teuer geworden ist. Die Samoaner selber vermitteln einem, dass die Lebensart hier ebenfalls paradiesisch ist. „Auf Samoa brauchst Du kein Geld. Wenn Du Hunger hast, nimmst Du Dir eine Frucht und isst sie. Wenn Du ein Haus bauen möchtest, gibt Dir die Palme alles, was Du dafür brauchst. Wenn Du Geld brauchst bringst Du Deine Taro zum Markt und verkaufst sie da.“ Letztlich kann dies ja aber so nicht stimmen. Wenn jeder die Taro einfach so haben könnte, warum sollte sie dann jemand auf dem Markt kaufen wollen? „Wenn Du auf Samoa leben möchtest, dann machst Du Dir auf einem Stück Land eine Plantage, und dann hast Du Taro, Bananen und alles Andere, was Du brauchst. Und das Meer gibt Dir Fische.“ Daraufhin fragte ich, wo ich denn Land dafür bekommen könnte, wenn ich hier leben wollte. Ob es noch Land (am Meer) gäbe, dass keiner Familie gehört. „Nein, aber dann kommst Du zu mir, und ich geb Dir etwas von meinem Land, dass Du da Deine Taro pflanzen kannst.“ ( Randbemerkung: Wow, was für ein Angebot! Dankeschön! ) Ja, und dann? Wie kann ich mir sicher sein, dass ich auf dem Land bleiben kann? Es gehört Deiner Familie, und ich muss nach einiger Zeit gehen, denn ich habe kein Visum. (Zu der Landfrage kam nur ein verständnisvolles bestätigendes Nicken, die Frage wie man bleiben kann wurde damit zum Thema) „Dann heiratest Du eine Samoanerin, dann kannst Du bleiben.“ Wenn ich aber keine andere außer Harriet heiraten möchte und trotzdem gerne bleiben möchte? „Dann heiratest Du eben (trotzdem) eine Samoanerin. Sonst must Du immer wieder ausreisen und neu einreisen, und dass wird teuer.“

Letztendlich läuft auf Samoa alles immer wieder auf die Familie hinaus. Ohne die Familie ist man hier nichts. Die Familie ist und regelt hier alles. Eine Familie hat immer irgendwie ein Familienoberhaupt bzw. das Dorf seine Chiefs und schon ist man in einem System eingegliedert, wo die Hierarchie einen traditionell unglaublich starken Platz einnimmt. Wenn Samoa wirklich so ein Paradies wäre, warum suchen dann so viele junge Samoaner ihr Glück in Australien oder Neuseeland? Warum ist die Selbstmordrate unter Jugendlichen so hoch? Ich hatte gehofft, auf viele weitere Fragen Antworten zu finden, wenn ich hier her gehe. Darum war Samoa unter unseren Reisezielen _das_ wichtige Ziel für mich. Ich hatte so viele Bröckchen von Samoa gesammelt. Ein Mensch, den ich vor 15 Jahren noch einen Freund nannte, hatte eine Weltreise gemacht, von der er sehr wenig erzählt hat. Das Wenige, was ich aus ihm heraus locken konnte, war die Antwort auf die Frage, ob er irgendwo beinahe hängen geblieben wäre. „Ja, Samoa. Weißt Du, da hat Geld keine Bedeutung“ – und er erzählte mehr davon … Bücher wurden hier geschrieben. Berühmt „Die Schatzinsel“ und „Dr. Jackyl und Mr. Hide“ wurden hier von Stevenson geschrieben. Das Buch „Der Papalagie – Die Reden des Süseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea“ wurde hier von dem deutschen Schriftsteller Erich Scheuermann geschrieben und 1922 veröffentlicht. Wer es noch nicht gelesen hat, der sollte dies einmal tun. Es ist die vermeintliche Sichtweise eines Südseehäuptlings (dieser Häuptling ist fiktiv) auf die Lebensweise der Europäer, die einen die eigene Sichtweise auf unsere Lebensweise sehr schmunzelnd ändern lässt. Verschiedene Fernsehbeiträge über Samoa – einen über die Reste deutscher Kultur, wonach die Samoaner wohl stolz auf ihre deutsche Kolonialzeit seien, werde ich nicht vergessen. Im im Alltag findet mand dies hier tatsächlich gar nicht. Eher ein Klarstellen, dass man seit 1962 unabhängig sei. (Deutsche Namen findet man von Deutschen, die hier geblieben sind und mit Samoanerinnen eine Familie gegründet haben.) Der Teil über Samoa im Klimahaus in Bremerhaven. Und vieles mehr. So oft und auf unterschiedliche Weise hatte ich bereits Samoa-Bröckchen auf meinem Lebensweg gefunden. Darum wollte ich so gerne einmal in meinem Leben hier sein und selber schauen.

Bin ich nun schlauer als zuvor? Ist Samoa paradiesisch?

Ja, schlauer schon – aber eine Antwort auf meine eigentlichen Fragen habe ich hier nicht gefunden. Ich hatte Gelegenheit einen kleinen aber entfernten Eindruck von der Kultur hier zu bekommen. 2 Wochen waren definitiv viel zu wenig. Ich glaube aber, dass auch wenn ich viele Monate hier geblieben wäre, ich die hiesige Kultur nicht wirklich verstanden hätte.

Und egal wie oft die Samoaner (dies selber glaubend) betonen, dass man hier ohne Geld leben können würde, letztlich dreht sich hier eben doch auch alles ums Geld. Es geht ohne Geld nicht. Man ist hier so weit weg von allen anderen Teilen der Welt, dass alleine dies schon paradiesisch erscheint. Und gerade die innere Ruhe, die wir hier nach vielen Wochen der Hast entlang von Sehenswürdigkeiten fanden, war mehr als überfällig und paradiesisch für uns. Oft ist es sehr warm und man wird träge, sogar die Gedanken werden irgendwie langsamer. Gleichzeitig ist das Essen gut und reichlich. In der logischen Folge nahm unser Übergewicht, das auf der restlichen Reise etwas weniger geworden war – hier wieder zu. Die Samoaner selbst sind zwar nicht dick, aber meist auch nicht schlank. Ein paradiesisches Alter ist nach unseren Gesundheitsstatistiken so nicht wahrscheinlich. Für Schriftsteller, die hier von allem weit entfernt sein wollen, ist hier sicher ein guter Ort. Einen Schriftsteller haben wir hier ja auch kennen gelernt. Schriftstellerparadies? Ich glaube ja. Es war überhaupt interessant was für Reisende wir hier getroffen haben. Ich glaube, jeder hat hier ein wenig sein eigenes kurzes Paradies gefunden. Das hat aber eher etwas mit guter Urlaubsatmosphäre zu tun, und dies kann man billiger auch an anderen Orten haben. Letztlich bleiben die Samoaner selbst für mich in sehr guter und freundlicher und offen-ehrlicher Erinnerung. Wenn einem ein wirklich muskulöser tätovierter untersetzter Mann (das bloße Erscheinungsbild könnte furchteinflößend sein) mit einer Freundlichkeit und Offenheit gegenüber sitzt, wie man sie bei uns nur noch bei unverdorbenen Kindern findet, und dann leise erzählt und über eigene kleine Unzulänglichkeiten von ganzem Herzen laut lacht, das hat schon etwas paradiesisches.

Nach Deutschland befragt, war oft die wichtige Frage:“Ich habe gehört in Deutschland gibt es keine Erdbeben.“ und man merkt, wie tief der Tsunami-Schrecken und Trauer in den Menschen wohnen, sie aber über unschöne Sachen nicht gerne sprechen – ein Land ohne Erdbeben für sie aber doch schon etwas paradiesisches vermittelt.

Nein, Samoa ist sicher kein Paradies. Die Frage stellt sich am Ende ganz anders. Wie soll ein Paradies eigentlich aussehen?

Ich wurde gefragt, ob man in Deutschland auch von dem Leben kann, was auf der Erde wächst. Ich antwortete:“Ja, unsere Vorväter konnten dies noch, aber das Wissen ist verloren gegangen.“ Ich erzählte von meinem eigenen Bemühen solches Wissen für mich wieder zu entdecken. Ich erzählte davon, wie schwer es mir fiel Pflanzen zu essen, die nicht in Plastik eingeschweißt aus dem Supermarkt geholt wurden, obwohl ich als Kind doch mit dem familieneigenen Garten groß geworden bin und meine Möhren aus der Erde geholt einfach an der Wiese abgewischt und verspeist habe. Es kostete mich Überwindung Pflanzen wie Löwenzahn, Breitwegerich usw. zu essen, wenn ich sie irgendwo gesammelt hatte. So viel Wissen ist bei uns verloren gegangen. Aber Ja, natürlich könnte man von dem leben was wächst. Auf die Fragen, ob wir in Deutschland giftige Schlangen oder andere gefährliche Tiere hätten, was sollte ich antworten? „Nein, höchstens Hunde und Katzen vielleicht, und im Meer höchstens das so seltene Petermänchen, dass viele es nicht einmal kennen“. Eigentlich leben wir in Deutschland in einem Paradies und realisieren es nicht. Es gibt in Deutschland keine Cyclone wie im Pacific, es gibt keine Malaria oder Dengue-Fieber. In Deutschland sind viele Krankheiten wie die Polio durch Impfungen praktisch ausgerottet. In Deutschland machen wir uns aber mit Konkurrenzdruck und Unkollegialität sowie kleinbürgerlichem Herumgenörgele gegenseitig das Leben schwer. Hier in Samoa sind es, auf eine für mich nicht ganz verständliche Art, die traditionellen Hierarchien. Ich habe erlebt wie ein junger Mann hier des Platzes verwiesen wurde, als er auf einer Feier mittanzen wollte, weil er „untiteled“ war – angeblich alles zum Schutz der Gäste. Ein Samoaner in Neuseeland sagte mir, er wolle nicht zurück, und er könne auch gar nicht, nach fast 20 Jahren im Ausland würde er auf Samoa nicht mehr als Samoaner angesehen. Auch hier gehen traditionelle Dinge verloren. Hier im Dorf fehlt z.B. das Geld für ein Boot um auf die andere Seite vom Riff zu gelangen und die großen Fische fangen zu können. Ich fragte, warum sie dann nicht in traditioneller Weise ein traditionelles Boot bauen würden. Die Antwort war, dass Sie dafür keine Zeit finden würden … Verhältnisse wie in Deutschland? Meine Spekulation ist, dass dieses traditionelle Wissen in dieser Familie verloren gegangen ist – sie müssten ein Boot kaufen – und damit sind wir wieder beim Thema Geld. Solange die Welt keinen anderen Weg findet, wird das Geld zwischen dem Reichtum der Erde und den Menschen stehen. Ich werde in Deutschland arbeiten gehen, um meine Miete zahlen zu können, und deshalb keine Zeit haben nach ausreichend Essen außerhalb der Supermärkte zu suchen. Solange werden Supermärkte den Großteil ihrer Frischwaren wegwerfen, um nur die Besten Bananen (nach Euronorm) gut zu verkaufen und werden Menschen gleichzeitig hungern, weil Sie das Geld für Essen nicht haben, das dadurch wiederum zu einem Spekulationsobjekt wird und wenige Menschen scheinbar noch reicher aber eben nur an Geld macht, während andere weiter hungern… Geld kann aber niemand essen, und wegen Interessen an Geld lässt sich die Klimakatastrophe so schwer stoppen, unter der viele Menschen noch mehr leiden werden. In Deutschland streiten sich satte Menschen um Kleinigkeiten (Maschendrahtzaun?). Manche finden keine Arbeit, andere wissen vor Arbeit gar nicht, wann sie mal Zeit für ihre Familie oder Freunde oder Hobbys finden sollen.  In Deutschland wurde ich, wenn ich freundlich grüßend durch die Gegend ging mehr als einmal darauf hin gewiesen, dass ja eigentlich der Rangniedrigere zuerst grüßen müßte. Wer zuerst grüßt scheint der Schwächere zu sein. Besonders deutlich wird das manchmal beim Segeln. In Samoa ist, wer zuerst grüßt der Freundlichere und der Freundlichere ist der Bessere. Zuletzt in einem Backpacker in Neuseeland habe ich in einer Gruppe von Deutschen erlebt, dass einer aus der Gruppe veräppelt wurde. „Na, Mister Nice Guy.“ Unter Deutschen ist Freundlichkeit nicht unbedingt etwas, was positiv gewertet wird, es wird evtl. sogar gegen einen Ausgelegt. Nicht immer, aber so manches Mal sind die „Meckerer“, die über alles etwas auszusetzen haben, die Angesehensten in einer Gruppe.

Das Paradies ist kein Ort, den man finden kann. Das Paradies wäre, wenn wir Menschen uns diese Welt nicht gegenseitig zur Hölle machen würden.

Nein, Samoa kann genau darum kein Paradies sein. Und hier gibt es außer Menschen auch noch Erdbeben und Tsunamis und Cyclone.
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Paradies wäre das wo die Menschen sich das Leben nicht selbst zur Hölle machen.

Schönes Deutschland ?